Le Galline Felici – und ein weiteres glückliches Hühnchen…

 Mein Plan war es, ausnahmsweise mal keinen Plan zu haben. Ich hatte Zeit zur Verfügung und viele Dinge, über die ich nachdenken wollte. Aber nicht nur Urlaub, ich wollte auch aktiv sein, idealerweise in einem Projekt arbeiten, was einen Mehrwert für die Gesellschaft generiert.

 Indien, Afrika... wohin soll es gehen? Und warum so weit weg, wenn es doch die glücklichen Hühner in Sizilien gibt? Ein Konsortium, in dem sich 35 Landwirte & soziale Kooperativen sich zusammengeschlossen haben, um der schwierigen Situation in Sizilien gemeinsam die Stirn zu bieten. Um eine Möglichkeit zu schaffen, von der Arbeit in der Landwirtschaft leben zu können – überleben zu können…
Ich bin Gründungsmitglied der Solidarischen Landwirtschaft „Stadt, Land, ... Beides.“ in Nürnberg und war einige Jahre Hofkoordinatorin und habe eng mit den Landwirten zusammenarbeiten können. Für mich war SoLawi immer eine ideale Lösung für viele Probleme in der heutigen Welt. Ich bin leidenschaftlicher Lebensmittel-Extremist, wenn man es so nennen will. Ich will nicht nur Bio. Ich will Qualität. Ich will einen verantwortungsbewussten Umgang mit unserer Erde und im Umgang miteinander. Und ich will wissen, wer meine Produkte anbaut. Und es ist mir ein großes Anliegen der kleinstrukturierten Landwirtschaft zu helfen, die immer mehr wegstirbt. Es wird auf Masse gesetzt, eine Bio-Agrarindustrie ist entstanden. Für mich, der falsche Weg. Denn Bio ist nicht gleich Bio.

Aber umso besser passen die glücklichen Hühner zu mir. Eine Mail, ein Anruf und auf geht es – Flüge buchen, Mietwagen organisieren und packen. Ich wollte vor Ort herausfinden, wie der Weg der Hühner aussieht, in diesem auf Profit und soziale Kälte ausgerichteten Wirtschaftssystem. Ich habe auf meiner Reise verschiedene Höfe besucht, Miriam & Ciccio auf Contrada Coste / Giarre, Cinzia & Diego auf Bagol’Area / Mascali und Cathie & Roberto in der Nähe von Syrakus.

Auf ihrer Tour durch Deutschland habe ich die glücklichen Hühner, namentlich Miriam, Roberto und Christiane, in Fürth in der Kofferfabrik kennen gelernt. Hat sich ja alles ganz gut angehört aber ich bin von Natur aus skeptisch und habe schon einige „Bio“-Betriebe in Italien besucht und war nie wirklich überzeugt. Also habe ich die Frage gestellt: „Wie kann ich Euch vertrauen? Woher weiß ich, dass Ihr anders seid?“
Roberto hat die Schultern gezuckt, in gelassener sizilianischer Manier, und meinte: „Besuch uns. Komm und überzeuge Dich selbst.“

 

G esagt. Getan.
Meine erste Station war bei Miriam und Ciccio, die mich mit einer Herzlichkeit aufgenommen haben, die ihresgleichen sucht. Dies war mein Einstieg in die Welt der Hühner. Ich habe dort die Annona kennen und lieben gelernt – eine Frucht, die es in Deutschland meines Wissens nach nicht zu kaufen gibt, da sie zu empfindlich für den Transport ist.

annonaEbenso die Süßkartoffeln, die Ciccio hauptsächlich für das Konsortium anbaut – super lecker! Ich habe mit Ciccio einen Landwirt kennen gelernt, der sein Land liebt und schätzt. Der seine gesamte Zeit in das Land steckt, in der Hoffnung, dass die Früchte seiner Arbeit ihm ein vernünftiges Auskommen ermöglichen. Jemand, der so hart und voller Leidenschaft arbeitet ist genau richtig bei den Hühnern. Für solche Menschen muss es einfach möglich sein, dass sie von ihrer Arbeit leben können.

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Miriam war mein erster Kontakt mit den Hühnern und hat mir diese Reise ermöglicht und mir die Türen zu den verschiedenen Höfen des Konsortiums geöffnet. Mit ihr an meiner Seite habe ich an einer Reunion der Hühner teilgenommen, ein großes Treffen, an der – sofern möglich – alle, die mit dem Konsortium in Verbindung stehen, zusammenkommen. Hier wird sicher keine Entscheidung einfach so gefällt, es wird viel und intensiv diskutiert. Man spürt, dass hier Ideale und Werte eine große Rolle spielen. Und natürlich, dass man in Italien ist… ;-) 

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Contrada Coste, im Hintergrund sieht man die Bergsilhouette auf der auch Taormina liegt

 

Meine Reise durch das Land der Hühner führte mich danach auf Bagol’Area, einem weiteren landwirtschaftlichen Betrieb, der Mitglied im Konsortium ist. Das Grundstück befindet sich am Hang des Etna, was einen atemberaubenden Ausblick über das Land zu dessen Füßen ermöglicht.
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Bagol’Area am Hang des Etna mit seinem traumhaften Panaroma

arancio Eine Stille und Harmonie, die mich sehr beeindruckt hat. Ebenso die Art und Weise in der Cinzia & Diego das alte Gebäude (Palmento), welches einst zur Produktion von Wein verwendet wurde, restauriert haben. Ein beeindruckendes Zusammenspiel von Alt und Neu, Bewährtem und Modernem – immer mit natürlichen Materialien wie Holz, Glas und Stein. Morgens aufstehen, die Hühner füttern, die unter Orangenbäumen in der Erde picken, oft begleitet von Luna und Tenuzzo den beiden Hunden, die über Bagol’Area wachen. Ich habe mich auch im Orangenpflücken versucht und musste feststellen, dass einige Bäume tatsächlich Stacheln haben. Und das es nicht ganz so einfach ist, wie es aussieht. Zwischen den Bäumen umherstreifen, die vielen Blümchen und Insekten beobachten, im Vorübergehen eine Orange pflücken und in aller Ruhe in diesem Ambiente genießen. Was für ein Leben. Das Gelände ist durch seine Hanglage sicherlich nicht einfach zu bewirtschaften – und es ist riesig (betrachtet aus der Perspektive, dass an es zu Fuß abläuft und dabei einige Höhenmeter an Unterschied bewältigen muss…). Der respektvolle Umgang mit der Natur ist hier das zentrale Element und wird auch den Gästen des Agriturismo vermittelt.

 

banana Weiter geht es nach Syrakus zu Roberto & Cathie. Roberto ist eines der Gründungsmitglieder des Konsortiums und vermittelt vor allem die ideellen Werte und steckt seine scheinbar unerschöpfliche Energie mit Leidenschaft in seine Arbeit / Mission. Das Haus steht quasi in einem Dschungel aus Bananenstauden. Die kleinen sizilianischen Bananen haben mich sehr beeindruckt – nur leider war ich zu spät und die Saison war bereits beendet. Die letzte Banane, die ich ergattern konnte, lässt mich jedoch ungeduldig auf die nächste Bananensaison warten. Unter den Orangenbäumen wächst fast kniehoch dieses hübsche Kleegras und die vielen gelben Blumen, die süß schmecken. Eine Autobahn zieht sich mitten durch eines der Grundstücke – der Staat nimmt sich was er braucht, ohne zu fragen. Vielleicht ist auch dies Teil der Motivation für

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den unermüdlichen Einsatz von Roberto, die Welt zu verbessern. Die kleine freundliche Revolution, wie die Hühner es nennen.  

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Die Orangenbäume von Roberto in der Kleegraswiese & das bunte Haus

 

schale Am Ende komme ich zurück zum Anfang und verbringe noch einige Zeit mit Miriam und Ciccio, die alles dafür tun, dass ich mich bei Ihnen zuhause fühle. Miriam zeigt mir, wie man Orangenschalen trocknet, um daraus ein aromatisches Pulver zu machen, welches wir dann auf selbstgemachte Schokolade streuen. Mmhhh… Neben diesen kulinarischen Einblicken ist es für mich in dieser doch fremden Kultur ein Segen, dass Miriam mir mit Rat und Tat zur Seite steht, wann immer mir einige Dinge wunderlich erscheinen…

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An gutem Essen, Impulsen und Emotionen hat es mir in dieser Zeit sicher nicht gemangelt. Ich habe auch das Magazzinodas Lager der Hühner, gesehen. Es ist groß, mit Paletten voller Orangen, Klementinen, Cedri und allen möglichen anderen Leckereien. 35 kleine Landwirte & soziale Kooperativen haben gemeinsam großes geschafft – und sie kämpfen weiter. Sie sind bereits sehr stark in Frankreich vertreten, ebenso natürlich in Italien sowie Belgien. Deutschland und Österreich steht nun zur Eroberung für die kleine freundliche Revolution an. Was auch der Grund ist, warum ich diesen Bericht in Sizilien schreibe. Ich habe mein Leben in Deutschland in Kisten gepackt und eingelagert und habe das Angebot der Hühner angenommen, für sie zu arbeiten. Und hier sitze ich nun, tippe diese Zeilen und muss Lächeln bei den vielen positiven Erlebnissen, die vor meinem geistigen Auge vorüberziehen, wenn ich an diese Zeit denke.

Vom Konsument zum Hühnchen.

Ich freue mich sehr über diese Chance, meine Zeit und meine Energie für ein Konsortium investieren zu können, die so sehr darum bemüht sind, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Ich kann Euch nur ans Herz legen, ebenfalls die Koffer zu packen und eine Reise nach Sizilien zu machen. Überzeugt Euch selbst. Ihr werdet es sicher nicht bereuen.

 

Herzliche Grüße und a presto,

Eure Sandra